Unser Camper hat so einige Macken. Neuerdings startet er mit einem knatternden Geräusch, das uns zunehmend beunruhigt. Der rechte Blinker bereitet uns außerdem Probleme, er blinkt nur wenn das Licht nicht gleichzeitig an ist. Licht an ist leider vorgeschrieben, auch tagsüber. Da hilft nur abwägen was schlimmer ist. Den linken Blinker braucht man ohnehin öfter – also was solls, man gewöhnt sich mit der Zeit eine gewisse Gelassenheit an. Von Vancouver fahren wir los – unsere Route soll uns über Hope, Princeton, Osoyoos, Kelowna und schließlich in den Banff National Park führen und wieder zurück nach Vancouver. In 12 Tagen gut machbar… wenn der Camper nicht vorher liegen bleibt.

Unserer Befürchtung folgend, tut er dann genau das – wir verlassen gerade das kleine Städtchen mit schönem Namen Hope. Rattern und knatternd schiebt er sich den Berg hoch, wird zunehmend langsamer, bis er schließlich ganz stehen bleibt. Das könnte das Getriebe sein, was gleichbedeutend wäre mit einem Totalschaden, das Ende des Campers und somit das Ende unserer Fahrt. Mitten auf der Straße, nach einer Kurve, zwischen zwei Bergen, ohne Handyempfang liegen zu bleiben sind nicht gerade günstige Umstände. Wir konnten nicht mal zur Seite fahren, also schnappen wir uns schnell das Warndreieck, um zu vermeiden dass uns jemand reinrauscht. Das hätte uns noch gefehlt mit den Gasflaschen im Hinterteil des Campers.

Es wird langsam kalt und die Sonne beginnt hinter den Bergen zu verschwinden. Ein schöner Sonnenuntergang, in einer anderen Situation. Wir teilen uns auf – Alex versucht eine Position zu finden von der er Handyempfang hat und den CAA, ist quasi der kanadische ADAC, anrufen kann. Mein Job: Den Frauenbonus ausspielen. Heißt hilflos aussehen, am Straßenrand stehen und Autofahrer anhalten, sie bitten für uns beim CAA anrufen. Ich habe Erfolg. Nach 10 Minuten hält der erste, er schreibt sich die Nummer auf, ist sehr freundlich und verspricht anzurufen sobald er Empfang hat – die Gegend ist scheinbar bekannt als Funkloch. Nach ihm stoppen noch zwei andere, alle wollen für uns anrufen, später erfahren wir, daß wohl nur einer, wahrscheinlich der erste für uns anrief.

Ungefähr eine halbe Stunde später kommt der Abschleppdienst aus Hope. Wir dürfen auswählen ob er uns zurück nach Hope schleppt oder in das 126km entfernte Princeton. Und das umsonst. Wir müssten nicht lange überlegen und lassen uns nach Princeton schleppen. Gute Entscheidung – die Strecke erweist sich als sehr kurvenreich, geht teilweise über unbefestigte Straßenabschnitte – da sind wir froh, nicht selbst fahren zu müssen. Ich mache es mir im hinteren Teil des Trucks bequem. Dort liegt eine Matratze mit Gurten zum Anschnallen, gemütlich. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich finsterste Schwärze, es ist extrem dunkel, ganz ungewohnt für mich. Taylor, unser gut gelaunter Abschlepper, plaudert aus dem Nähkästchen und unterhält uns mit Geschichten aus dem Leben eines Abschleppers. Seine Unbesorgtheit und Ruhe überträgt sich etwas auf uns, wir können uns bald etwas besser mit unserer Situation abfinden. Mit uns ist er gut 5 Stunden beschäftigt, er darf die ganze Strecke dann schließlich wieder zurückfahren – nicht ungewöhnlich in seinem Job.

Schließlich kommen wir in Princeton an, wir werden samt Camper vor einer Werkstatt abgesetzt. Dort nächtigen wir, wegfahren können wir schließlich nicht mehr. Die Werkstatt öffnet morgens um 8:00 und wir stehen pünktlich auf der Matte um nicht unnötig Zeit zu verlieren. In dem kleinen Warteraum neben der Werkstatt empfängt uns Phil, der Abschlepper aus Princeton. Hat jede Stadt hier ihren eigenen Abschlepper? Wir kommen ins Gespräch, er liebt seinen Job und schleppt schon seit seinem 13. Lebensjahr ab, ganz stolz zeigt er uns ein Bild von seinem ersten Abschleppwagen. Sieht aus wie ein Oldtimer denke ich und bewundere artig das Bild. Die Mechaniker sind sehr freundlich zu uns, hören sich unsere Geschichte an und zeigen Verständnis für unsere Situation.

Dann beginnt das große Rumschrauben, in aller Ruhe, ab und zu kommen Leute aus der Stadt vorbei, dann unterhält man sich eben über dies und das, in Princeton passiert nicht viel. Die Werkstatt scheint eine Art sozialer Treffpunkt zu sein. Wir werden zunehmend unruhiger und der Mechaniker schien nichts zu finden. Im Geiste rechnet Alex zusammen was der Spaß wohl kosten wird, schließlich hatte er bereits mehrere tausend Dollar in den Camper gesteckt. Er schluckt nicht nur Öl und Benzin ohne Ende, sondern auch Geld, viel Geld. Immer wieder startet der Mechaniker zu einer Testfahrt, schüttelt den Kopf und findet doch nichts. Dann schließlich kommt die Wende – hat er etwas gefunden? Das kündigen zumindest seine lauter werdenden Kraftausdrücke an, die er mit seinen Mechanikerfreunden austauscht. Diese stecken jetzt ebenfalls ihren Kopf unter die Motorhaube und tauchen etwas geschockt und ungläubig blickend wieder auf. Was ist da los?  Die ausgiebige Untersuchung hatte ergeben, dass der Camper jeden Moment in die Luft gehen hätte können. Wir schnappen etwas von Benzinpumpe und Zündung auf- irgendwas war wohl falsch und diletantisch, vermutlich in Eigenregie des Vorbesitzers, zusammengesetzt worden und hätte jederzeit durchschmorren können, dann Boom und nochmal Boom wegen dem Gas… hätte ein schönes Feuer gegeben. Nochmal Glück gehabt und es scheint reparabel – immerhin. Alex lässt sich das ganze noch ausgiebiger erklären.

Der Mechaniker tauscht die Benzinpumpe samt Filter aus, richtet was zu richten ist und entscheidet, dass man nun wieder ohne Lebensgefahr mit dem Camper rumfahren kann. Die Blinker wollen sie sich auch noch ansehen, aber morgen dann – um 17:00 ist eben Feierabend. Also gut, kommen wir am nächsten Tag wieder. Der Camper fährt ja wieder, nur die Blinker wollen noch nicht. Unser Mechaniker hat wohl Mitleid mit uns, er verrät uns noch einen kostenlosen Campground. Er kritzelt schnell eine Wegbeschreibung auf ein Blatt Papier, zum Glück mussten wir nur einmal abbiegen, heißt wenig blinken. Den Campingplatz finden wir dank der genauen Wegbeschreibung ohne Probleme. Sie führt uns in ein traumhaft schönes Tal, an einem Flußbett vorbei, eingesäumt von herbstlich gelben und roten Bäumen – Indian Summer pur.

Unser Mechaniker taucht kurz nach uns dort auf – er ist uns hinterhergefahren mit Feuerholz im Gepäck, wohl um zu checken ob wir Idioten seine Wegbeschreibung verstanden haben und nicht zwischenzeitlich wieder liegengeblieben sind.  Es ist traumhaft dort und entschädigt uns für die Strapazen des Tages. Neben uns campt ein Mann mit etwas Ähnlichkeit  mit einem Indianer. Er erzählt uns, dass er sich für ein Leben in der Natur entschieden hat und schon länger mit seinem Campingwagen unterwegs ist. Es ist schon erstaunlich auf was für interessante Menschen man stößt wenn Pläne aus den Fugen geraten und man mit Problemen zu kämpfen hat. In der Not trifft man meistens auf Menschen die einem helfen. An diesem schönen Ort bin ich einfach nur dankbar dass wir die Panne einigermaßen gut überstanden haben und genieße den Herbst, den natürlichen Fluß und die Berge die uns umgeben. Ich mache ein paar Fotos, Alex geht angeln, später machen wir es uns am Lagerfeuer gemütlich, blicken in den Nachthimmel, die Sterne glitzern. Kurz innehalten, durchatmen, schön.